Fußballbücher gibt es wie Sand am Meer, wirklich gute sind dagegen eher selten wie Perlen. Im Fußball, so der fade Beigeschmack dieser Erkenntnis, haben Elemente wie Geschichte, Philosophie und Wissenschaft wenig zu suchen. Eine Erkenntnis, die die Boulevardisierung des Fußballs weiter befördert. Auch wenn spätestens seit Kloppos WM 2006 mehr über Taktik,Strategie und Formationen diskutiert wird, sind diese Themen in deutschen Kneipen, Wohnzimmern und Stadien eher eine Randerscheinung.
Jonathan Wilson legt mit seinem, bisher nur auf englisch erschienen Buch, “Inverting the Pyramid. A History of Football Tactics” jetzt eine Grundlage für den interessierten Zuschauer sich auch theoretisch in die Materie Fußball einzuarbeiten. Das Buch liefert einen Grundriss über die Geschichte des Fußballs und vorallem der gängigen Formationen. Vom 2-3-5 aus den Anfangszeiten im späten 19. Jahrhundert, dem W-M-System das Herbert Chapman bei Arsenal in den späten Zwanziger Jahren einführte, dem Catenaccio Helenio Herreras, über den Total Football Rinus Michels und das Pressing von Graham Taylor, Valeriy Lobanovsky und Arrigo Sacchi.
Zwar schwenkt der Blick des britischen Fußballjournalisten immer wieder auf die Auswirkungen der Entwicklungen in England um, dennoch liefer “Inverting the Pyramid” einen bemerkenswert globalen Blick auf die Fußballentwicklung: Österreichs Wunderteam wird genauso behandelt wie die Nationalelf Uruguays, die den ersten WM-Titel 1930 gewann. Argentiniens Spielweise bei den beiden Weltmeisterschaften 1978 und 1986 wird ebenso beleuchtet wie die holländische 1974 und das Dinamo Kiews Valery Lobanovskys neben Arrigo Sacchis AC Milan gestellt.
Immer werden historische Entwicklungen mit kleinen Anekdoten gekrönt, gleichzeitig hält der Autor immer die nötige skeptische Distanz zum Wahrheitsgehalt und lässt bei Kontroversen auch beide Ansichten zu Worte kommen. Dennoch liest sich die Entwicklung des Catenaccio interssanter, wenn man weiß, dass Helenio Herrera angeblich bei der Beobachtung von Fischern mit Reservenetzen hinter dem eigentlichen Netz die Idee für den klassischen Ausputzer hinter der Abwehr hatte. Doch das Buch schweift erfrischenderweise nie wirklich vom eigentlichen Thema ab, auch wenn der Abriss der historischen Taktiken bis 1950 auch hätte kürzer gefasst werden können.
Die wahre Stärke des Buches, im Gegensatz zum ähnlichen “Der Ball ist rund damit das Spiel die Richtung ändern kann” von Christoph Biermann und Ulrich Fuchs, ist die Aktualität. Aktuelle Entwicklungen bis 2007 wie die WM 2006 oder Qualifikationsspiele zur Europameisterschaft finden sich im Buch wieder, auch wird über die Zukunft des Fußballs spekuliert. Kann möglicherweise bald ein 4-6-0 auf dem Platz stehen, bei dem alle Mittelfeldspieler sich im Angriff abwechseln und so ein wahrhaft dynamisches System entstehen lassen? Wohin entwickelt sich der Fußball in der Zukunft? Gar nicht, wie Roberto Mancini behauptet, da alle taktischen Varianten bereits durchdacht seien. Wird nur noch Physis regieren? Und was kommt danach? In eben jener wissenschaftlichen Untersuchung, die Wilson beispielhaft an der Gegenüberstellung von 3-5-2 gegen 4-5-1 macht, liegen die wahren Stärken des Buches: Anschaulich wird hier über komplexe Elemente des Fußballs gesprochen. Immer mit einem Nährwert für den Leser, mit der Erkenntnis, dass Fußball eben mehr ist als 22 Spieler und ein Ball.
5/5 Champions League
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